Waldmeister – das duftende Labkraut

In meinem Garten blüht er gerade.
Ein feines weißes Sternchenmeer im Halbschatten, und dieser Duft, den man kennt, wenn frisches Heu in der Sonne liegt.

Wer einmal an einem blühenden Waldmeister vorbeigegangen ist, vergisst diesen Geruch nicht mehr. Er ist süß und herb zugleich, ein bisschen wie Erinnerung an Kindheit, ein bisschen wie Mai.

Der Duftende aus der Familie der Labkräuter

Sein botanischer Name ist Galium odoratum – das duftende Labkraut.

Er gehört zu einer alten Pflanzenfamilie, die früher beim Käsemachen half, weil einige Labkräuter Milch zum Gerinnen bringen konnten. Daher der Name Labkraut. Und odoratum heißt schlicht: der Duftende.

Auf Französisch heißt er aspérule odorante, im Englischen sweet woodruff – das süße Waldkraut. Im Deutschen tragen wir ihn als Meister im Wald, und das passt zu einer Pflanze, die im Schatten steht und trotzdem ihren Duft abgibt.

Manchmal denke ich, die alten Pflanzennamen wussten mehr über Wesen und Charakter als unsere botanischen Bestimmungen heute.

Cumarin – der Stoff, der den Duft macht

Das Besondere am Waldmeister ist, dass er erst beim Welken seinen vollen Duft entfaltet.

Frisch gepflückt riecht er oft nur ganz zart. Erst wenn die Blätter etwas anwelken, wird der Stoff deutlicher wahrnehmbar, der ihm seinen unverwechselbaren Charakter gibt: das Cumarin.

Cumarin steckt nicht nur im Waldmeister, sondern auch in Zimt, in Tonkabohnen und in einigen Gräsern. Der Heuduft, den man kennt, wenn frisches Gras trocknet – genau dort begegnet uns dieser Stoff.

Vor der Blüte ist der Cumaringehalt meist geringer, deshalb gilt diese Zeit als die gute Erntezeit. Wenn der Waldmeister blüht, steigt der Gehalt deutlich an.

Cumarin wird über die Leber verstoffwechselt und kann in größeren Mengen Kopfdruck, Schwindel oder Übelkeit auslösen. Deshalb gilt bei Waldmeister: lieber sparsam verwenden, nicht zu lange ziehen lassen und am besten vor der Blüte ernten.

Bei mir war es vor ein paar Tagen so weit. Ich habe geerntet, solange er noch grün und knospig war. Daraus ist mein Sirup geworden.

Jetzt blüht er.
Und jetzt lasse ich ihn auch.

Eine lange Tradition – Maibowle, Berliner Weiße, Wackelpudding

Bei uns hat der Waldmeister eine lange Tradition.

In der Maibowle ist er der Star, in der Berliner Weiße mit Schuss gibt er der grünen Variante den Namen, und im Wackelpudding der Kindheit war sein Aroma allgegenwärtig – auch wenn dort meistens kein echter Waldmeister mehr drin war, sondern ein Aroma, das seinen Geschmack nachahmt.

Ich erinnere mich an waldmeistergrünen Wackelpudding, den mir Schulfreunde damals zugesteckt haben. Sagen wir so: Er gehörte eher in die Kategorie Schülerstreich.

Bis heute muss ich schmunzeln, wenn ich grünen Wackelpudding sehe… riechen sollte er definitiv nicht nach Vodka :))

Volksheilkundliches – ein leiser Blick zurück

In der Volksheilkunde galt Waldmeister lange als beruhigend, krampflösend und herzstärkend. Er wurde bei innerer Unruhe, leichten Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und nervöser Erschöpfung eingesetzt.

Auch Hildegard von Bingen schrieb ihm eine das Herz erfreuende Wirkung zu.

Heute sieht man das vorsichtiger. In therapeutischen Dosen wird Waldmeister kaum noch angewendet, weil das Cumarin, das ihm seinen Charakter gibt, eben auch seine Schattenseite hat.

Was bleibt, ist vor allem die kulinarische Tradition – als Sirup, als Bowle, im Sekt, als feines Aroma in der Frühlingsküche. Und dieser besondere Maiduft: grün, weich, ein wenig beschwingt. UND vor allem ECHT so wie früher :)!

Und wenn die Blütezeit gekommen ist…

darf er einfach herrlich blühen und so zuckesüß aussehen wie der Sirup schmeckt.

Nicht alles muss man verarbeiten. Die Pflanzen zeigen einem genau, wann ihre Zeit ist und wann nicht.

Man muss nur hinschauen.

Und wie immer, die gesetzlich vorgeschrieben Hinweise & AGBs!

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