Samenbomben, die alles in sich tragen

Eine Samenbombe trägt alles in sich

Von der ersten kleinen Wildblumenwiese über die Sonnenwende bis zum Friedensleuchten


Eine Samenbombe passt in eine Handfläche. Etwas Erde, ein bisschen Lehm, ein paar Samen, zu einer Kugel gerollt — fest genug, dass die Vögel nicht drankommen, weich genug, dass der Regen sie wieder öffnet. Man wirft sie und schaut ihr nach. Wo sie landet, wächst sie.

Aber in so einer kleinen Kugel steckt mehr, als man denkt. Ich möchte euch von dem Weg erzählen, der dahin geführt hat — und davon, was am Ende daraus werden soll.

Wo alles begann — 2021

Unsere erste kleine Wildblumenwiese haben wir 2021 angelegt, im eigenen Garten, nach einer Anleitung des NABU. Ich weiß noch, wie überrascht ich war, als das Summen kam. Vorher war da nur Rasen, still und grün. Und auf einmal war Leben darin.

Warum eine echte Wiese mehr ist als nur nicht zu mähen — warum es auf den mageren Boden ankommt und auf die regionale Herkunft der Samen — das habe ich damals ausführlich aufgeschrieben. Wer mag, liest es in Garten Eden oder Grünanlage mit Rollrasen nach.

Daraus ist seitdem mehr geworden, ohne dass ich es geplant hätte. Es ist einfach weitergewachsen.

Frühjahr — zweierlei

Im April kamen zwei Dinge zusammen, die leicht wie eines aussehen, aber verschieden sind.

Zum einen die Blühpatenschaft, die ich am 16. April übernommen habe. Gesät und gepflegt wird die Fläche von der Agrargenossenschaft — ich stehe als Patin dahinter und mache möglich, dass dort etwas wächst, das den Insekten und Vögeln guttut. Nicht für Reichweite oder Klicks, sondern weil wir alle nur ein kurzes Zeitfenster hier haben und es schön ist, etwas zu hinterlassen, das blüht.

Zum anderen meine eigene Saat. „Bunter Saum“ von Rieger-Hofmann, regional und gesichert in der Herkunft, bestellt für meine Beete und für das, was später daraus werden sollte. Und da liegt mir etwas am Herzen, das ich nicht oft genug sagen kann:

Es ist nicht egal, welche Samen man in die Erde gibt. Eine billige Tüte aus dem Baumarkt blüht vielleicht ein Jahr und ist dann verschwunden, weil die Pflanzen hier keine Wurzeln finden. Und wenn sich fremde Sorten mit unseren heimischen kreuzen, verschiebt sich langsam und unsichtbar der Genpool. Eine Wildblume aus Brandenburg ist über Jahrtausende an unsere Winter gewachsen, an unsere Böden, an die Insekten, die hier leben. Das verdient, dass man beim Kauf einen Moment innehält.

Mai — aus Samen wird ein geschützter Anfang

Eine Weile vor unserem Sommersonnenwenden Treffen habe ich aus einem Teil der Samen Samenbomben gerollt. Die Erde drumherum ist dabei kein hübsches Beiwerk, sie ist der eigentliche Schutz. Ein winziger Keimling, der bloß auf den nackten Boden fällt, hat es schwer — gewöhnliches Gras überwuchert so ein zartes Ding einfach, es bekommt kaum eine Chance, sich zu entwickeln. In der Kugel dagegen bringt der Same seine eigene kleine Welt schon mit: Erde, Feuchtigkeit, einen Vorsprung, bevor das Gedränge losgeht.

Eine Handvoll davon war für jede Frau gedacht, die mit auf den Berg kommen würde. Spätestens da waren es keine Samen mehr für mich, sondern etwas, das man weiterreicht.

Sommersonnenwende — auf dem Berg

Samenbomben zur Sommersonnenwende von Jay T.

Der längste Tag des Jahres, und wir sitzen auf Decken oben am Hang, das Gesicht zum Sonnenuntergang. Die Erde unter den Händen ist noch warm vom Tag. Es riecht nach Sommergräsern, und der Abendwind, der über den Hang streicht, trägt einen Hauch von Blüten mit sich. Wir haben Brot dabei, frisch gebacken, Kerzen werden angezündet, jemand spielt leise Musik. Auf kleine Zettel schreiben wir unsere Wünsche. Und als das Licht weicher wird, wir uns auf den Heimweg machen, nehmen wir die Samenkugeln in die Hand und werfen sie hinaus in die Wiese — dorthin, wo sie jetzt wachsen. Mehr braucht so ein Abend nicht.

Selber nachsehen

Wie tief man sich auf ein Thema einlässt, bleibt jedem selbst überlassen. Ob jemand nur die Überschriften liest und sich daraus seinen eigenen Reim macht, oder ob er nachgräbt — das sagt nichts über den Wert eines Menschen aus. Es zeigt sich nur im Mehrwert dessen, was am Ende dabei herauskommt. Und das Zusammenspiel der Natur zu verstehen, ist längst nicht ausgeschöpft, geschweige denn wissenschaftlich vollständig erschlossen — auch wenn die Forschung schon weit gekommen ist.

Ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich arbeite mit dem Wissen, das mir zugänglich ist: mit Fachquellen, mit Erfahrung und mit dem, was meine Familie mir über Pflanzen, Garten und die kleinen Naturwunder mitgegeben hat.

Mit den Überlieferungen meiner Urgroßmutter, der Hebamme.
Mit dem, was meine Oma, die Kräuterfrau, wusste.
Und mit dem, was meine Mutter mir im Garten zeigte: jene unscheinbaren Wunder, an denen manch einer achtlos vorbeigeht.

Vielleicht begann es aber noch früher.

Ich war das Kind, das lieber mit seiner Freundin Barbara auf eine alte Rotbuche kletterte, als mich mit Girlykram zu beschäftigen. Dort oben, verborgen in der dunklen Krone, saßen wir wie in einer eigenen kleinen Welt. Unter uns die große wilde Wiese, nebenan der kleine Wald und über uns die funkelnden Sonnenstrahlen in den Blättern…. ganz in der Nähe unseres Zuhauses.

Vielleicht lernt man die Natur zuerst durch das Mit-ihr-Sein zu verstehen — und erst später durch Bücher.
Und vielleicht ist es auch die stille Kommunikation zwischen den Lebewesen, jedes auf seine Art.

Warum ich das überhaupt alles schreibe? Ich liebe das große Wissen des Internets. Aber nicht alles, was geschrieben und gesagt wird, stimmt. Wenn es euch wichtig ist, prüft selbst nach, was behauptet wird. Nur dann sind wir redlich — im Umgang miteinander, mit den Tieren und mit der Natur.

Und im September — das Friedensleuchten

Was im Frühjahr in die Erde kam und im Sommer geteilt wurde, soll zur Herbst-Tagundnachtgleiche weiterleuchten, im Gutspark, beim Friedensleuchten. Und Frieden ist für mich mehr als die Abwesenheit von Streit. In Frieden leben heißt auch, im Einklang mit der Natur zu leben — und sich mit dem, was einem nicht guttut, nicht immer zu arrangieren, sondern es loszulassen. Sich selbst zu nehmen, wie man ist, und die anderen, wie sie sind. Wir müssen nicht miteinander. Es genügt auch nebeneinander.


Wenn du magst, mach mit. Viel braucht es nicht — vorbereiteten Boden, den richtigen Samen aus deiner Region und ein bisschen Geduld. Die Bienen danken es dir, die Schmetterlinge auch, und du selbst am meisten.

Wenn wir unser Denken und Handeln auf Redlichkeit prüfen, finden wir den richtigen Weg.

Mögen alle Wesen zufrieden sein.

Sommersonnenwende von Jay T.

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