Von Alexandria bis zu meiner Kupferkolonne – und beim Lavendeldestillieren hat sich in zweitausend Jahren nur das Gerät verändert.
Wir stehen um die Destille herum und schauen aufs Thermometer. Die hundert Grad sind längst überschritten, unten im Kessel raunt das Wasser, oben an der Kuppel ist noch nichts zu sehen. Es wird still, weil alle warten. Und dann ist er da, der Moment: Die Seele der Pflanze fließt durch das Seelenrohr. Nicht tropfenweise, sondern schwallartig, wie ein Atemzug – durch den durchsichtigen Schlauch, der bis in den Hals der Langhalsflasche reicht. Ein Stoß, eine Pause, wieder ein Stoß. Und während man noch hinschaut, füllt sich der ganze Raum mit warmem Lavendelduft.
Seelenrohr. Geistrohr. Beide Namen sind alt, und sie sind nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich habe sie nur wiedergefunden – und beim ersten Mal, als das Hydrolat so durch den Schlauch stieß, sofort verstanden, warum jemand dieses Rohr einmal so genannt hat. Was da herauskommt, hat vorher in den Öldrüsen der Blüten geschlafen.
Wie es in Ägypten begann
Schon im alten Ägypten und in der griechischen Antike war der Wunsch groß, Pflanzen, Harze und Düfte zu bewahren und weiterzuverarbeiten. Ob dabei bereits ätherische Öle in unserem heutigen Sinn destilliert wurden, lässt sich nicht sicher sagen. Sicher ist aber: Der Umgang mit Duft war hoch entwickelt.
Frühe Destillationsformen arbeiteten mit Gefäßen aus gebranntem Ton oder Bronze. Der Dampf stieg durch das Pflanzenmaterial und nahm flüchtige Bestandteile mit. Es fehlte zunächst nur die gekühlte Kuppel, an der er sich hätte niederschlagen können.
In alten Beschreibungen finden sich Verfahren, bei denen Wolle oder andere saugfähige Materialien genutzt wurden, um kondensierte Flüssigkeit aufzufangen und später auszupressen. Was heraustropfte, war ein Gemisch aus Wasser und flüchtigen Pflanzenbestandteilen – ein Vorläufer dessen, was wir heute als Pflanzenwasser oder Hydrolat kennen.
Man muss sich das einmal vorstellen: Der erste Duft, den ein Mensch aus einer Pflanze herausgeholt hat, wurde womöglich mit bloßen Händen aus nasser Wolle gewrungen.
Zu dieser Zeit war Duft längst kein Luxus im heutigen Sinn. Auf ägyptischen Wandbildern tragen Frauen kleine Kegel auf dem Kopf, deren genaue Bedeutung bis heute nicht vollständig geklärt ist. Häufig werden sie mit Duftstoffen, Fetten und Harzen in Verbindung gebracht. Myrrhe, Zeder, Weihrauch. Kyphi, die berühmte Mischung für den Abend. In Rom gehörte das Duftöl ins Bad, aufs Kissen, in die Salbgefäße aus Alabaster.
Und hier ist der Gedanke, der mich nicht loslässt: Diese Frauen wussten etwas. Sie kannten das Geheimnis des schönen Duftes, und dieses Wissen war wertvoll. Es öffnete Türen, verlieh Rang, machte ein Leben leichter und heller.
Der Flaschengeist, der aus dem Gefäß steigt und Wünsche erfüllt – vielleicht war er nie nur ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Vielleicht war er immer schon auch das, was in einem kleinen Fläschchen aufbewahrt wurde und den Raum verwandelte, sobald man es öffnete.
Maria in Alexandria
Der erste Destillierapparat, den wir überhaupt beschrieben finden, stammt von einer Frau. Maria die Jüdin, auch Maria Prophetissa genannt, lebte vermutlich irgendwann zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert in Alexandria – ihre genaue Lebenszeit ist nicht sicher überliefert.
Ihr Gerät heißt Tribikos: unten ein Tongefäß mit der Flüssigkeit, darüber ein zweites, in dem sich der Dampf sammelte, und von dort drei Kupferrohre, durch die das Kondensat in Glasflaschen lief.
Drei Rohre, drei Seelenrohre.
Aus späteren Überlieferungen wissen wir, wie genau sie es nahm. Das Kupfer oder die Bronze für die Rohre solle ausreichend stark sein, und die Verbindungsstellen wurden mit einfachen Materialien abgedichtet. Zum Kühlen des oberen Teils kamen kalte Schwämme zum Einsatz.
Ton für den Kessel, Kupfer für die Rohre, Glas zum Auffangen. An dieser Aufteilung hat sich fast zweitausend Jahre lang wenig geändert, und das Verfahren dahinter ist bis heute dasselbe geblieben.
Bei mir ist der Kessel aus Kupfer statt aus Ton, der Schlauch aus durchsichtigem Kunststoff, und statt kalter Schwämme steht das Kühlwasser oben in der Kuppel.
Der Weg ist unverändert: erhitzen, aufsteigen lassen, abkühlen, auffangen.
Ihr Name hat überlebt, ohne dass es die meisten wissen. Das Wasserbad, in dem heute Schokolade, Wachs oder empfindliche Rezepturen schonend geschmolzen werden, heißt im Französischen bain-marie. Marienbad. Traditionell wird dieser Name mit Maria Prophetissa verbunden.
Ich finde das schön: Am Anfang dieser ganzen Geschichte steht eine Frau in einer Werkstatt in Alexandria, die wissen wollte, wie man das Flüchtige festhält.
Al-anbiq
Zwischen Maria und dem nächsten großen Schritt liegen rund sechshundert Jahre, in denen scheinbar wenig geschah. Tatsächlich wurde in dieser Zeit vor allem abgeschrieben, bewahrt und weitergegeben.
Um 300 hielt Zosimos von Panopolis fest, was in den alexandrinischen Werkstätten bekannt war – ihm verdanken wir überhaupt, dass wir von Maria wissen. Byzantinische Schreiber kopierten diese Texte weiter, Jahrhundert um Jahrhundert.
Als Alexandria im 7. Jahrhundert unter arabische Herrschaft kam, wurden viele antike Texte in der arabisch-islamischen Welt übersetzt, weitergedacht und praktisch genutzt. In Persien und anderen Regionen entwickelte sich die Destillation weiter, auch zur Herstellung von Rosenwasser und anderen Duftwässern.
Das Wort, das ich heute benutze, wenn ich meine Destille beschreibe, stammt aus dieser Zeit.
Al-anbiq – daraus wurde im Lateinischen alembicus, im Mittelhochdeutschen alembic, bei uns Alembik. Der arabische Artikel al steckt darin und das griechische ambyx, das schlicht Gefäß bedeutet.
Der Name ist also selbst schon ein Destillat: griechisch, arabisch, lateinisch, deutsch, alles in ein Wort hineingekocht.
Die entscheidende Weiterentwicklung kam vermutlich im frühen Mittelalter. Über den Kessel setzte man einen helmartigen Deckel mit einer Auffangrinne im unteren Rand. Der Dampf schlug sich an der Innenwand nieder, das Kondensat lief an der Wölbung herab, sammelte sich in der Rinne und floss durch den schnabelartigen Ausguss ab.
Ursprünglich meinte das Wort Alembik übrigens nur diesen Helm. Erst mit der Zeit ging der Name auf die ganze Apparatur über, auf Kolben, Helm und Auffangflasche zusammen.
Genau das passiert bei mir, jedes Mal, unter der Kühlkuppel. An dieser Stelle hat sich in vielen Jahrhunderten erstaunlich wenig geändert.
Später kam die Wasserkühlung dazu. Um den Helm wurde eine große Schüssel mit kaltem Wasser gelegt, und weil das aussah wie ein Turban, nannte man die Apparatur caput mauri, Maurenkopf.
Wenn ich meine Kuppel mit Kühlwasser fülle, wiederhole ich eine Geste, für die es einmal einen eigenen Namen gab.
Wo der Geist herkommt
Nach Europa kam dieses Wissen ab dem Hochmittelalter verstärkt über Übersetzungen arabischer Schriften ins Lateinische, besonders in Toledo und Süditalien.
Lückenlos ist diese Kette allerdings nicht.
Zwischen Alexandria und Bagdad, zwischen Bagdad und Toledo sind Werkstätten verschwunden und Handschriften verloren gegangen, und die meisten, die das Wissen unterwegs weitergegeben haben, kennen wir nicht einmal dem Namen nach.
Verfolgen lässt sich nur der grobe Weg – Ägypten, Alexandria, Byzanz, die arabisch-islamische Welt, Toledo – und die erstaunliche Tatsache, dass dabei das Grundprinzip erhalten blieb.
Im Mittelalter wurde die Destillation zum Herzstück der Alchemie.
Und dort bekommt mein Seelenrohr nachträglich seine Rechtfertigung.
Die Alchemisten sahen im Alembik einen Kosmos im Kleinen. Unten die Erde, das Grobe, das Materielle. Oben der Himmel. Und dazwischen der Aufstieg: Der Stoff verlässt seinen Körper, steigt auf, wird gereinigt, kehrt verwandelt zurück.
Was man auffing, hieß Essenz, Quintessenz, Elixier – oder eben Geist.
Spiritus vini nannte man den Alkohol, den Geist des Weines, und im Deutschen heißt er bis heute Weingeist. Im Englischen sind Spirituosen schlicht spirits.
Der Geist in der Flasche ist also nicht nur eine schöne Metapher.
Wenn ich Seelenrohr sage, erfinde ich nichts. Ich nehme nur einen alten Faden wieder auf.
Warum es ätherisch heißt
Auch dieses Wort kommt von weit her, aus dem Griechischen.
Aithḗr – die feine, obere Luft, der Himmel über den Wolken.
Genauer könnte es kaum sein, denn genau so verhält sich das Öl.
Es ist flüchtig.
Ein ätherisches Öl ist kein fettes Öl. Ein Tropfen Olivenöl auf Papier hinterlässt einen Fleck. Bei vielen ätherischen Ölen, aber nicht allen, verdunstet ein Tropfen weitgehend wieder.
Leonardo und die Kuppel
Im 15. Jahrhundert taucht die Destille auch in Leonardo da Vincis Notizbüchern auf. Er skizzierte Apparaturen zur Destillation, Kühlung und Führung von Dämpfen.
Die Leonardo-Destille, wie sie heute bekannt ist, ist allerdings kein direkter Nachbau aus seiner Werkstatt. Entwickelt und so benannt wurde die moderne Form in den neunziger Jahren von den österreichischen Chemikern Bettina Malle und Helge Schmickl.
Der Gedanke dahinter ist einfach und klug: Je kürzer der Weg vom Dampf zum Tropfen, desto weniger kann unterwegs verloren gehen.
Bei mir kondensiert der Aromadampf direkt oben an der Kuppel und läuft von dort in die Rinne. Kein langer Schlangenkühler, in dem sich das kostbare Öl versteckt und hängen bleibt.
Um 1500 schrieb dann der Straßburger Arzt Hieronymus Brunschwig sein Kleines Destillierbuch – eine frühe gedruckte Anleitung dieser Art, mit Holzschnitten.
Das Wissen verließ die Werkstatt und ging unter die Leute.
Mandy Aftel, Berkeley
Und heute?
Es gibt in Berkeley, Kalifornien, ein kleines Atelier, in dem eine Frau namens Mandy Aftel ihre Parfums von Hand mischt und abfüllt. Keine Synthetik, keine großen Chargen.
Sie hat über Jahrzehnte eine Sammlung natürlicher Essenzen zusammengetragen, von denen manche wie guter Wein lange gereift sind, und sie sucht sie sich einzeln zusammen, oft nachdem sie viele Varianten desselben Öls gerochen hat, bis eine dabei ist, die alle anderen überragt.
Ihr bekanntestes Buch heißt im Original Essence and Alchemy und auf Deutsch Die Kunst der Alchimisten – Alles über Parfum.
Essenz und Alchemie, schon im Titel.
Es gilt vielen als eines der wichtigen Bücher der modernen Naturparfümerie.
Damit schließt sich der Kreis auf eine Weise, die ich mir nicht schöner hätte ausdenken können. Die Alchemisten wollten die Essenz aus dem Stoff holen. Zweitausend Jahre später steht eine Frau in einer Werkstatt, nennt ihr Handwerk ähnlich und tut im Grunde noch immer etwas Verwandtes: das Flüchtige bewahren, bevor es fort ist.
2017 hat sie in einer umgebauten Gartenhütte hinter ihrem Haus ein Museum eröffnet, das Aftel Archive of Curious Scents.
Dort stehen alte Parfumflakons und Formelhefte, dazu historische Stiche und zahlreiche Essenzen zum Selberriechen.
Und dann dieses Detail: Wer das Museum betritt, bekommt einen Streifen Wolle in die Hand, um die Nase zwischendurch zurückzusetzen. Andere nehmen Kaffeebohnen, sagt sie, aber Wolle funktioniere besser.
Diese Wolle. Wieder Wolle. Nach ihrem Buch wollte ich eine Alembik-Destille.
So war das.
Jean Pütz und die Hobbythek
Ohne ihn stünde ich heute nicht an dieser Destille.
Die Hobbythek lief jahrzehntelang im WDR, und Jean Pütz hat dort vorgemacht, dass man Cremes, Seifen und Düfte selbst herstellen kann – mit sauberen Zutaten, nachvollziehbar erklärt, ohne Geheimniskrämerei.
Er hat nichts verkauft, er hat gezeigt, wie es geht.
Seitdem experimentiere ich immer wieder…
Vieles, was ich heute in der Duftschmiede mache, hat dort seinen Anfang genommen.
Ein Bild aus seinem Text über das Riechen ist mir geblieben:
Augen und Ohren kann man zuhalten. Die Nase nicht.
Von der Wiese bis zum Flakon
Zwischen der blühenden Wiese und dem fertigen Flakon liegt so viel mehr, als in einen Text passt.
Was die Öle können, wie man sie dosiert, wo Vorsicht geboten ist, was ein Hydrolat kann und wo seine Grenzen liegen – dafür braucht es Menschen, die genau hinschauen, lesen, forschen und Erfahrungen weitergeben.
In meinem Regal stehen fünf Frauen, ohne die ich vieles nicht wüsste.
Susanne Fischer-Rizzi hat viele Menschen im deutschsprachigen Raum überhaupt erst an die Aromatherapie herangeführt.
Eliane Zimmermann schreibt das Fachbuch, zu dem ich greife, wenn ich es genau wissen will, und sie hat sich intensiv mit Hydrolaten beschäftigt.
Sabrina Herber bringt die Aromapflege dorthin, wo sie gebraucht wird – in den Alltag, in die Pflege, bis ans Krankenbett.
Ingrid Kleindienst-John aus Österreich hat mir die ersten Schritte in die Welt des Destillierens gezeigt.
Und dann Heike Käser, bei der der Weg endgültig im Tiegel und Flakon ankommt. Sie beschäftigt sich intensiv mit Rohstoffen, Emulgatoren und der Physiologie der Haut. Bei ihr geht es nicht um den einen gepriesenen Wirkstoff, sondern um das Zusammenspiel in der ganzen Rezeptur.
Fünf Frauen, fünf Wege – und alle verfolgen dasselbe Anliegen: das Wissen um Pflanzen, Düfte und ihre Anwendung zugänglich, verständlich und lebendig zu machen.
Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass am Anfang dieser überlieferten Geschichte Maria steht – eine Frau.
Über Jahrhunderte wurde Wissen über Pflanzen, Pflege, Heilung und Geburt oft von Frauen weitergegeben, lange bevor sie selbstverständlich Medizin studieren durften. Vieles wanderte nicht durch Universitäten, sondern von Mutter zu Tochter, von Schwester zu Schwester, von Freundin zu Freundin.
Und dieses Wissen ist geblieben. Trotz Zeiten, in denen Frauen mit eigenem Wissen misstrauisch betrachtet oder sogar verfolgt wurden.
Heute finde ich es in Büchern, Schulen, Seminaren – und genauso noch immer im persönlichen Austausch.
Vielleicht ist genau das der rote Faden: Wissen, das weitergegeben wird, damit es nicht verloren geht.
Welcher Lavendel in den Korb kommt
Die Frage höre ich bei fast jeder Vorführung, meistens von Leuten, die selbst welchen im Garten haben:
Kann ich meinen nehmen?
Meistens lautet die Antwort: Kommt darauf an, welcher es ist.
In meinen Korb kommen fast immer zwei. Der Echte Lavendel, Lavandula angustifolia, mit schmalen, silbriggrünen Blättern und violetten Ähren, duftet süß und weich – sein Öl ist das, was die meisten meinen, wenn sie Lavendel sagen. Der Lavandin, Lavandula x intermedia, ist eine Kreuzung, wächst größer und üppiger, liefert deutlich mehr Ertrag und duftet kräftiger, oft mit einem kampferigen Zug.
Auseinanderhalten kann man die beiden häufig schon am Wuchs. Der Echte Lavendel trägt meist eine Ähre pro Stiel, beim Lavandin verzweigen sich die Blütenstiele oft stärker.
Auch Speiklavendel und Schopflavendel lassen sich destillieren, riechen aber deutlich anders – kampferig der eine, harzig und herb der andere. Wer herausfinden möchte, was im eigenen Beet steht, findet die vier wichtigsten Arten mit Duft, Wuchs und Winterhärte ausführlich beschrieben in Lavendel ein Tausendsasser.
Frisch oder getrocknet?
Wann geschnitten wird, ist zum Teil Handwerk und zum Teil Geschmack.
Die gängige Empfehlung lautet: am Vormittag, wenn der Tau abgetrocknet ist und die Sonne noch nicht lange auf die Pflanzen gebrannt hat. Auch der Blühzustand spielt eine Rolle.
Frisch in den Korb, frisch destilliert – das gibt ein helles, grünes, sehr frisches Hydrolat.
Mir gefällt etwas anderes besser.
Ich nehme Lavendel, der lange geblüht hat, und lasse ihn danach ein paar Tage trocknen. Der Duft wird dadurch für meine Nase intensiver und tiefer, das sehr Grüne tritt zurück.
Rispen mit vielen frischen, gerade geöffneten Blüten, am Vormittag gepflückt und sofort destilliert, sind mir oft zu leicht.
Erklären kann ich das nur zum Teil.
Beim Trocknen geht Wasser aus der Pflanze, es passt mehr Blüte in den Korb, und der Duft verändert sich.
Ob das besser ist, muss jeder für sich entscheiden.
Am ehesten findet man es heraus, indem man dieselbe Sorte einmal frisch und einmal leicht angetrocknet destilliert und die beiden Fläschchen nebeneinanderstellt.
Zurück am Kessel
Wenn ich vor meiner Kolonne stehe, den Lavendel im Aromakorb, den Deckel gesetzt, die Kuppel voll kaltem Wasser, dann warte ich auf denselben Moment wie die Menschen vor mir.
Es dauert. Es passiert lange nichts.
Und dann kommt es, schwallartig, wie der Atem der Pflanze, hell und leicht opak, und die Flasche füllt sich mit einem Duft, den ich vorher nur im Vorbeigehen zwischen den Fingern hatte.
Diese Helligkeit hält oft nur eine Weile an, solange feinste Öltröpfchen noch im Wasser verteilt sind. Hat sich das Destillat beruhigt, steht das Hydrolat klarer da, und je nach Pflanze und Ausbeute kann sich oben ein hauchdünner Film zeigen.
Das ätherische Öl. Ein paar Tropfen für einen ganzen Korb voll Blüten.
Der Flaschengeist ist da.

Er war es immer schon – in den frühen Auffanggefäßen, in den drei Kupferrohren des Tribikos, unter dem Turban aus kaltem Wasser, in den Notizbüchern eines Malers, im Atelier in Berkeley, in meiner Werkstatt.
Abschöpfen und warten
Den Film hole ich mit der Pipette ab, dicht über der Wasserlinie, Tropfen für Tropfen.
Es ist ja meistens nicht viel – und ich fülle kleine 10-ml-Braunglasflaschen mit meinem eigenen ätherischen Lavendelöl. Welch ein gutes Gefühl.
Dunkel und dicht verschlossen müssen sie sein, sonst nimmt das Licht mit, was der Sauerstoff übrig lässt.
Dann kommt die Zeit des Wartens, denn es möchte reifen, wie guter Wein oder eine edle Spirituose.
Es ruht einige Monate.
Frisch destilliert riecht ein Lavendelhydrolat manchmal noch etwas rau, grün oder ein wenig nach heißem Kessel.
Geduld ist hier der Meister selbst – wie in der ganzen Natur. Mit der Zeit entfaltet sich der Duft in seiner ganzen Schönheit.
Drei Noten
Ein Parfum braucht drei Ebenen, sonst ist es nur ein Geruch. Die Kopfnote ist zuerst da und geht als erste. Die Herznote trägt den Charakter. Die Basisnote ist schwer und langsam und liegt noch Stunden später auf der Haut. Erst zusammen ergeben sie etwas, das sich entfaltet, statt nur zu duften. Das ist die eigentliche Komposition.
Die Abkürzung
Und dann passiert etwas Merkwürdiges. Duft nimmt eine Abkürzung. Alles, was wir sehen, hören oder fühlen, wird erst im Thalamus umgeschaltet, bevor es weiterläuft – Riechen nicht. Vom Riechkolben geht es direkt weiter in die Mandelkerne und den Hippocampus, also dorthin, wo Gefühl und Erinnerung sitzen. Ein Geruch ist bei uns angekommen, bevor wir entschieden haben, was wir von ihm halten. Steuern lässt sich das nicht.
Musik kann das auch. Und Berührung, glaube ich, ebenfalls.
Riechen können wir übrigens früher als fast alles andere. Ungeborene nehmen etwa ab der 28. Woche Düfte wahr und merken sich, was die Mutter mag. Der Sinn ist da, bevor wir auf der Welt sind.
Und er bleibt lange.
Als meine Mutter schwer dement in ihrem Bett lag und weder essen noch sehen noch sprechen konnte, lächelte sie noch. Beim Duft von Schokolade. Beim Klang von Madame Butterfly. Und wenn man ihr über die Haut strich.
Ich weiß nicht, welcher Weg da noch offen war und wie tief er reichte. Aber irgendetwas in ihr wusste es noch, als alles andere schon fort war.
Vielleicht ist unser Körper selbst ein Wunder.
Man muss den Flaschengeist nur herausatmen lassen.
Möchtest du das einmal live sehen? In der Duftschmiede darfst du danebenstehen, wenn das Seelenrohr zu atmen anfängt – die Termine stehen im Veranstaltungskalender. Wer den Lavendel lieber selbst weiterverarbeiten möchte, findet die Workshops im Einkaufsladen.
Quellen und Menschen, denen ich etwas verdanke
Nichts von dem historischen und fachlichen Wissen, das hier steht, habe ich selbst herausgefunden.
Ich habe gelesen, nachgeschlagen und gestaunt.
Diese Seiten und Menschen haben mir dabei geholfen, einige von ihnen mit einer Hingabe, vor der ich den Hut ziehe.
Was ich jedoch jedes Mal aufs Neue herausfinde, ist der Zauber, der sich beim Destillieren meines Lavendels durch die Luft zieht.
Und immer ist es ein kleines Wunder und Geschenk zugleich.
Zur Geschichte der Destille
- Alembik und Maria die Jüdin bei Wikipedia – als Ausgangspunkt für Datierungen, Wortherkunft und historische Begriffe
- Glasmuseum Wertheim – historische Destillierapparate und Erklärungen zum Alembik
- Wikimedia Commons, Kategorie Alambics – historische Abbildungen aus Handschriften und Museen
Zu Leonardo
- Museo Galileo, Florenz – der Codex Atlanticus digitalisiert
- Gartenstrawanzerin – das Prinzip aus der Praxis erklärt
- Malle & Schmickl – zur modernen Leonardo-Destille
Zum Riechen
- Jean Pütz: Was bewirken Düfte in unserem Gehirn? – die Hobbythek hat mir vor vielen Jahren die Tür zu alldem aufgemacht.
Zu Mandy Aftel
- Mandy Aftel: Die Kunst der Alchimisten – Alles über Parfum. Im Original Essence and Alchemy
- Aftel Archive of Curious Scents, Berkeley
- Aftelier
Bücher, die auf meinem Tisch liegen
- Susanne Fischer-Rizzi: Himmlische Düfte
- Eliane Zimmermann: Aromatherapie für Pflege- und Heilberufe sowie Hydrolate – Pflanzenwässer
- Sabrina Herber: Veröffentlichungen zur Aromapflege
- Ingrid Kleindienst-John: Hydrolate
- Heike Käser: Naturkosmetische Rohstoffe und Naturkosmetik selber machen – Das Handbuch
Mehr zum Lavendel
- Lavendel ein Tausendsasser – die vier wichtigsten Arten, Wirkung, Hydrolat-Rezepte
- Lavendel destillieren – Tag der offenen Lavendeltür – Termine zum Danebenstehen
Was diese Menschen verbindet:
Sie haben ihr Wissen weitergegeben, statt es zu behalten.
Ein Museum stellt seinen Bestand frei ins Netz, eine Autorin schreibt auf, was sie in Jahrzehnten gelernt hat, ein Fernsehmann erklärt es im Nachmittagsprogramm so, dass man es zu Hause nachmachen kann.
Ohne sie müsste jede von uns wieder ganz vorne anfangen … bei der Wolle über dem Kessel.

