Erntemond im September

Spätzünder brauchen eben etwas länger …

Am 26. September steht der Mond wieder voll am Himmel. Es ist der Erntemond, jener Vollmond rund um die Herbst-Tagundnachtgleiche.

Die Felder sind vielerorts abgeerntet. Äpfel und Birnen hängen schwer an den Bäumen, Nüsse fallen ins Gras. Mittags kann es noch einmal warm werden, aber morgens riecht die Luft schon anders. Nach feuchter Erde, kühlem Gras und Herbst.

Es gibt Apfelsorten, die bis in den Oktober am Baum hängen und erst später ihren vollen Geschmack entwickeln.

Spätzünder eben.

Mit manchen Fragen ist es ähnlich. Sie brauchen länger. Und je bedeutsamer eine Frage ist, desto rätselhafter kann der Weg zur Antwort sein.

Warum ist das so?
Was soll mir das sagen?
Was fange ich damit an?

Manches lässt sich nicht einfach mal kurz durchdenken, egal wie oft man es hin und her wendet. Manche Antworten kommen erst durch das, was uns begegnet. Durch einen Menschen. Einen Abschied. Eine Freude, eine Enttäuschung oder einen Umweg.

Und manches können wir heute einfach noch nicht wissen.

Nirgendwo sind wir so frei wie in unseren eigenen Gedanken. Und wir selber können sie manchmal auch nicht steuern.

Wir können uns Dinge vorstellen, die es noch gar nicht gibt. Wir können zurückdenken und vorausdenken, zweifeln, hinterfragen, träumen und unsere Sicht verändern.

Wir können uns fragen, ob das, was gestern richtig war, heute noch zu uns passt.

Und wir können uns neu entscheiden.

Für mich ist das eines der größten Geschenke unseres Menschseins. Wir sind nicht nur von Instinkten gesteuert. Wir können denken, was wir wollen. Unsere Gedanken können Wege nehmen, die vorher noch niemand für uns festgelegt hat.

Darin liegt die besondere Form von Freiheit.

🌙 Der Mond und unser Rhythmus

Menschen haben sich seit jeher an Sonne, Mond und Jahreszeiten orientiert. Er war Teil des Alltags und der Abläufe. Heute beschränken wir ihn oft auf Gezeiten und Jahreszeiten.

Auch in biblischen Texten taucht der Mond als Zeichen für Zeiten und Festtage auf, und bis heute richtet sich das Osterfest nach dem ersten Vollmond im Frühling. Und die Gestirne zeigten den Weg nach Bethlehem.

Wir haben leider dem künstlichen Licht einfach mehr Bedeuting geschenkt, nach oben zu schauen und wahrzunehmen, wie sehr Licht, Dunkelheit und Jahreszeiten unseren Alltag einmal bestimmt haben.

Einen Abend lang den Mond statt den Bildschirm anzusehen.

Oder einfach festzustellen: Es wird früher dunkel. Der Herbst ist da.

🍎 Was nehmen wir mit?

Der Erntemond steht für Fülle, aber auch für Übergang.

Vielleicht ist jetzt ein guter Moment, auf das zu schauen, wovon wir lange zehren können.

Ein schöner Sommerabend.
Ein Gespräch, das geblieben ist.
Ein Mensch, der uns gutgetan hat.
Ein Augenblick, in dem plötzlich alles ganz einfach war.

Manches haben wir uns erarbeitet. Vieles wurde uns einfach geschenkt.

Dankbarkeit heißt für mich nicht, Schwieriges schönzureden. Sie heißt, das Gute darüber nicht zu übersehen.

Und manches ist eben noch nicht so weit.

Wie ein Apfel, der noch ein bisschen hängen muss.

Spätzünder eben.

Ich wünsche euch eine schöne Vollmondnacht. Eine Nacht für eure ganz eigenen Gedanken – und vielleicht für eine Frage, auf die heute noch keine Antwort nötig ist.

🌕🍂

Namaste
Jay

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