Der Fliegenpilz – Glücksbote aus dem Unterholz

Jedes Jahr auf´s Neue… im Herbst:
Im Wald, der Boden riecht nach feuchtem Laub und Erde, Pilze aller Art klein, winzig klein, groß, braun grau weiß braun… und dann leuchtet er plötzlich zwischen den Birken. Rot, mit weißen Tupfen, als hätte jemand ein Märchenbuch aufgeschlagen und vergessen, es wieder zu schließen.

Gleich vorweg, ganz ehrlich: Pilze sind nicht mein Handwerk. In meiner Duftschmiede arbeite ich mit Kräutern, Blüten, Harzen und Ölen. Das Reich der Pilze ist ein eigenes, weites Feld, und dafür fehlt mir das tiefe Wissen. Mit Pilzen mache ich eigentlich nur eins: Die guten esse ich. Steinpilz, Pfifferling, Kräuteling, gern mit Butter und Kräutern aus der Pfanne.

Der Fliegenpilz gehört ganz sicher nicht dazu. Deshalb möchte ich hier einfach teilen, was ich über ihn weiß und was mich an ihm fasziniert, ein bisschen Botanik, ein bisschen Geschichte und ein bisschen Überlieferung, so wie Wolf-Dieter Storl sie so wunderbar erzählt.

Was wir sehen, ist nur ein kleiner Teil

Der leuchtende Hut mit Stiel ist nur der Fruchtkörper des Fliegenpilzes, botanisch Amanita muscaria. Er ist so etwas wie die Blüte, die kurz an die Oberfläche kommt, um Sporen zu verbreiten. Der eigentliche Pilz lebt verborgen im Boden: ein feines, weißes Geflecht aus unzähligen Fäden, das Myzel. Es kann sich über große Flächen ausbreiten und viele Jahre alt werden.

Der Fliegenpilz lebt nicht allein. Er geht eine enge Gemeinschaft mit Bäumen ein, vor allem mit Birken, aber auch mit Fichten und Kiefern. Diese Partnerschaft heißt Mykorrhiza, was so viel bedeutet wie „Pilzwurzel“. Die Pilzfäden umhüllen die feinen Baumwurzeln und erschließen ihnen Wasser und Mineralstoffe wie Phosphor und Stickstoff, an die der Baum allein schwer herankäme. Im Gegenzug bekommt der Pilz vom Baum Zucker, den dieser durch Photosynthese im Sonnenlicht bildet. Darum findet man Fliegenpilze fast nie mitten auf der Wiese, sondern immer in der Nähe ihrer Bäume.

Über solche Pilzgeflechte sind viele Pflanzen im Wald miteinander verbunden. Man spricht gern vom „Wood Wide Web“. Wie viel Bäume darüber wirklich miteinander „kommunizieren“, wird in der Forschung noch lebhaft diskutiert. Sicher ist aber: Pilze sind die stillen Baumeister des Waldbodens. Sie zersetzen totes Holz und Laub, verwandeln es in fruchtbare Erde und halten so den Kreislauf von Werden und Vergehen in Gang. Ohne sie gäbe es keinen gesunden Wald.

Ein Pilz voller Geschichten

Kaum ein Pilz ist so tief in unsere Kultur eingewachsen wie der Fliegenpilz. Wolf-Dieter Storl, der Ethnobotaniker, dessen Bücher mich seit Jahren begleiten, schaut gern hinter die Märchenbilder und zeigt, wie alt dieses Wissen ist.

Bei den Völkern Sibiriens war der Fliegenpilz ein heiliger Pilz. Die Schamanen nutzten ihn, um in andere Welten zu reisen, zu den Ahnen und Geistern. Auch die Rentiere sollen ihn mögen, und so erzählt man sich, dass Mensch und Tier dort den gleichen Zauberpilz kannten.

In unseren Breiten verbindet ihn die Überlieferung mit Wotan, dem alten Gott des Sturms und der Ekstase. Wenn er in den Raunächten mit der Wilden Jagd über den Himmel braust, so heißt es, tropft der Schaum von den Mäulern seiner Pferde auf die Erde. Und genau dort wachsen im nächsten Jahr die Fliegenpilze.

Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass der Fliegenpilz bis heute als „Glückspilz“ auf Neujahrskarten zu finden ist, neben Kleeblatt, Schornsteinfeger und Schweinchen. Und dass zur Wintersonnenwende ein Bote aus dem hohen Norden in Rot und Weiß kommt, mit Rentieren, und Geschenke bringt. Storl und andere sehen darin ein Echo der alten Pilzbräuche. Ob das wirklich so ist, kann niemand mit Sicherheit sagen. Aber es ist eine Geschichte, die man an einem dunklen Winterabend gern weitererzählt.

Und natürlich wohnt er in unseren Märchen und Bilderbüchern: als Haus der Wichtel und Zwerge, als Sitzplatz für Feen und als Wegweiser in eine verzauberte Welt.

Woher der Name kommt

Sein Name ist ganz handfest. Früher legte man Stücke des Pilzes in eine Schale mit Milch, oft mit etwas Zucker. Die Fliegen tranken davon und wurden betäubt. So wurde der hübsche Pilz zum Helfer im Haushalt, lange bevor es Fliegenfänger gab.

Verantwortlich dafür sind vor allem zwei Inhaltsstoffe: Ibotensäure und Muscimol. Sie wirken auf das Nervensystem, bei Insekten genauso wie beim Menschen. Darum ist der Fliegenpilz auch Gegenstand der Forschung, ein Heilmittel im klassischen Sinne ist er aber nicht. In der Homöopathie gibt es ihn als Agaricus muscarius, stark verdünnt.

Ganz anders sieht es bei Pilzen im Allgemeinen aus. Ihnen verdanken wir einige der wichtigsten Arzneien überhaupt: Penicillin stammt aus einem Schimmelpilz, und auch andere Antibiotika und Medikamente wurden aus Pilzen gewonnen. Heilpilze wie Reishi oder Shiitake haben in der asiatischen Heilkunde eine lange Tradition und werden heute auch wissenschaftlich untersucht.

Mit Staunen und mit Respekt

Bei aller Märchenhaftigkeit gehört eines unbedingt dazu: Der Fliegenpilz ist giftig. Er kann Übelkeit, Verwirrtheit, Krämpfe und schwere Vergiftungen auslösen. Er ist kein Pilz für die Pfanne und auch keiner zum Ausprobieren. Wer nach einem Kontakt Beschwerden hat, wendet sich an den Giftnotruf oder einen Arzt.

Wer Pilze sammeln möchte, um sie zu essen, sollte sich gut auskennen oder seinen Korb bei einer Pilzberatung vorzeigen. Ich halte es so: Den Fliegenpilz lasse ich stehen, schaue ihn mir in Ruhe an und freue mich an ihm. Er gehört in den Wald, zu seinen Birken, und in unsere Geschichten.

Vielleicht begegnet er dir ja bei deinem nächsten Herbstspaziergang. Dann bleib einen Moment stehen. Denk an das unsichtbare Netz unter deinen Füßen, an die Schamanen im Norden und an Wotans Pferde. Und nimm ein bisschen von seinem Glück mit nach Hause, ganz ohne ihn zu pflücken.

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