Die 13 Bäume und der Kreis des Jahres

Auch die Bäume erzählen vom Lauf des Jahres. In alten Baumüberlieferungen, wie sie auch Wolf-Dieter Storl beschreibt, begegnen uns dreizehn besondere Bäume. Zwölf von ihnen lassen sich wie Stationen im Jahreskreis betrachten. Sie tragen Bilder von Anfang und Wachstum, von Blüte, Reife, Frucht, Rückzug und Erneuerung in sich. Die dreizehnte ist die Eibe, ein Baum der Schwelle, der dort steht, wo ein Kreis sich schließt und ein neuer beginnt.

Diese Zuordnung ist weniger als starres Kalendersystem zu verstehen, sondern als bildhafte Weise, den Jahreslauf mit den Kräften der Bäume zu verbinden. Jeder Baum trägt eine eigene Qualität in sich, die sich mit bestimmten Zeiten, Stimmungen und Übergängen im Jahr verweben lässt.

Die Birke steht für Anfang, Licht und Neubeginn. Sie ist einer der ersten Bäume, die den Frühling spürbar machen. Ihre helle Rinde, ihr frisches Grün und ihre feine Beweglichkeit erzählen vom Erwachen nach der dunklen Jahreszeit.

Der Apfelbaum trägt die Kraft von Blüte, Fruchtbarkeit und Süße. Er verbindet das Schöne mit dem Nährenden. Im Jahreskreis steht er für das, was wachsen, reifen und später Frucht tragen darf.

Die Linde ist ein Baum der Gemeinschaft, der Wärme und des Herzens. Unter Linden wurde getanzt, gerichtet, beraten und gefeiert. Ihr Duft im Juni liegt oft genau in der Zeit um die Sommersonnenwende und Johanni in der Luft. Sie verbindet die Menschen miteinander und passt dadurch wunderbar zu dieser hellen, geselligen Jahreszeit.

Die Buche steht für Schutz, Erinnerung und gewachsenes Wissen. Ihre glatte Rinde, ihr dichter Schatten und ihre stille Präsenz machen sie zu einem Baum der Sammlung und der inneren Ordnung.

Die Weide gehört zum Wasser, zu Gefühl, Beweglichkeit und Wandlung. Sie biegt sich, ohne zu brechen. Sie erinnert daran, dass Leben nicht nur aus Festigkeit besteht, sondern auch aus Hingabe und Anpassung.

Die Rosskastanie trägt eine kraftvolle, aufrichtende Energie. Ihre großen Blätter, die aufrechten Blütenkerzen und ihre schützenden Früchte erzählen von Lebenskraft, Fülle und dem Sammeln innerer Stärke.

Die Pappel steht für Bewegung, Wind und Übergang. Ihre Blätter zittern schon beim leisesten Hauch. Sie macht sichtbar, dass alles Lebendige in Schwingung ist.

Der Ahorn verbindet Leichtigkeit, Klarheit und Ausgleich. Seine weit geöffneten Blätter wirken wie kleine Hände, die Licht aufnehmen. Im Jahreskreis kann er für Harmonie, Maß und innere Balance stehen.

Die Ulme ist ein Baum der Verbindung und der alten Wege. Sie wurde oft mit Siedlungen, Landschaften und menschlichen Lebensräumen verbunden. In ihr liegt etwas Erdendes, Tragendes und Verbindendes.

Die Eiche steht für Kraft, Standhaftigkeit und Verwurzelung. Sie ist einer der großen Bäume alter Kulturen, verbunden mit Gewitter, Himmel, Recht und Würde. Zur Zeit der Sommersonnenwende, wenn die Sonne am höchsten steht, wirkt ihre starke Gestalt besonders eindrucksvoll: fest verwurzelt in der Erde und weit geöffnet zum Himmel.

Die Lärche trägt als Nadelbaum, der im Winter seine Nadeln verliert, eine besondere Botschaft. Sie verbindet Licht, Wandel und Erneuerung. Sie zeigt, dass auch das Loslassen Teil der Lebenskraft ist.

Der Wacholder gilt seit alter Zeit als Schutz- und Räucherbaum. Sein Rauch wurde zur Reinigung verwendet, seine Beeren waren Würz- und Heilmittel. Er verbindet Erde, Duft, Schutz und Übergang.

Und dann kommt die Eibe.

Sie ist der dreizehnte Baum. Ein Schwellenbaum. Kein Baum des schnellen Wachsens, kein Baum des lauten Blühens, sondern einer, der sehr alt werden kann und still an den Rändern steht. Wolf-Dieter Storl verbindet sie mit dem Vergehen, mit Trauer, Abschied und Tod – aber auch mit Wandlung und Wiederkehr.

Darum begegnet man der Eibe so oft auf Friedhöfen. Sie steht dort nicht nur als dunkles Zeichen, sondern fast wie eine Hüterin. Ihr Grün bleibt, auch wenn der Winter alles andere zurücknimmt. Sie bewahrt etwas. Sie hält Wache an der Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren.

In dieser Bedeutung gehört die Eibe besonders in die Zeit der Rauhnächte. Dann ist Schwellenzeit. Das alte Jahr ist gegangen, das neue noch nicht ganz angekommen. Die Tage liegen wie ein stiller Zwischenraum zwischen Ende und Anfang. Vieles ist zurückgenommen, die Natur ruht, und gerade in dieser Ruhe wird spürbar, was vergangen ist, was betrauert werden darf und was sich wandeln möchte.

Die Eibe steht in dieser dunklen Schwelle nicht für Lichtfülle, sondern für Tiefe. Für Abschied, Erinnerung und das stille Wissen, dass jedes Ende Teil eines größeren Kreises ist. Während die zwölf Bäume den sichtbaren Lauf des Jahres begleiten, steht die Eibe dort, wo der Kreis sich schließt und das Neue noch im Verborgenen liegt.

So bekommt sie ihren Platz nicht mitten im Johanni-Licht, sondern in der Zeit zwischen den Jahren. Als dreizehnter Baum. Als Hüterin der Schwelle. Als Zeichen für Vergehen, Trauer, Wandlung und Wiederkehr.

Die Bäume um Johanni

Zur Zeit um Johanni, wenn die Sommersonnenwende gerade hinter uns liegt, zeigt sich der Baumkreis von seiner hellen, sichtbaren Seite. Viele Bäume stehen nun in voller Kraft. Die Blätter sind ausgebildet, die Kronen dicht, die ersten Früchte angelegt, und unter ihrem Schatten entsteht jener besondere Sommerraum, in dem Menschen seit jeher zusammenkamen.

Die Linde duftet süß und warm durch die Junitage. Sie gehört zu den Bäumen, die Johanni besonders spürbar machen. Unter Linden wurde getanzt, beraten, gefeiert und Gericht gehalten. Ihr Blütenduft zieht Bienen an und liegt wie ein weicher Schleier über Dörfern, Höfen und alten Wegen.

Auch die Eiche steht um diese Zeit kraftvoll im Licht. Sie verbindet Erde und Himmel, Wurzel und Krone, Standfestigkeit und Weite. In ihrer Gestalt liegt etwas Feierliches, das gut zur Sonnenwende passt: das Hohe, das Aufrechte, das vom Licht berührt wird und dennoch tief in der Erde ruht.

Der Apfelbaum trägt nach seiner Blüte bereits die jungen Früchte. Noch sind sie klein, aber das Versprechen der Reife ist schon da. Er zeigt, dass die helle Zeit nicht nur Blüte ist, sondern auch Werden, Fruchtansatz und leises Reifen.

Die Weide bewegt sich weich am Wasser, die Buche schenkt kühlen Schatten, der Ahorn breitet seine lichten Blätter aus. Alles wirkt lebendig, verbunden, atmend. Johanni ist damit nicht nur ein Kräuter- und Feuerfest, sondern auch eine Zeit der Bäume: eine Zeit, in der ihre Kraft sichtbar geworden ist und der Jahreskreis in seiner Fülle steht.

Mit der Sommersonnenwende beginnt zugleich eine feine Wendung. Das Licht hat seinen höchsten Stand erreicht, und von nun an werden die Tage langsam wieder kürzer. Noch ist Sommer. Noch duftet die Luft nach Lindenblüten, Heu, Erde und Kräutern. Noch steht das Johanniskraut goldgelb am Wegesrand. Doch der Kreis bewegt sich weiter.

So lassen sich die zwölf Bäume als Begleiter des sichtbaren Jahres verstehen. Sie stehen für das, was wächst, blüht, trägt, schützt, duftet und sich wandelt. Die Eibe aber bleibt der dreizehnte Baum an der Schwelle – nicht als Baum des Johanni-Lichtes, sondern als Erinnerung an die tiefere Bewegung des Jahres, die uns später in die Rauhnächte führt.

Und mitten in dieser hellen Zeit steht das Johanniskraut. Es öffnet seine Blüten um Johanni, als hätte es das Sonnenlicht selbst in sich aufgenommen. Während die Bäume den großen Kreis des Jahres erzählen, sammelt diese Pflanze den Sommer in kleinen goldenen Sternen. Genau deshalb wurde sie seit alter Zeit mit Licht, Schutz, Wärme und seelischem Wohlbefinden verbunden.

Wie Bäume neues Leben schenken

Bäume tragen den Kreis des Lebens nicht nur als Bild in sich. Sie leben ihn ganz wirklich. Sie blühen, werden bestäubt, bilden Samen, Früchte, Nüsse, Zapfen oder kleine geflügelte Samen, die der Wind davonträgt. Manche fallen einfach zu Boden, manche werden von Vögeln, Eichhörnchen oder anderen Tieren weitergetragen. Und manchmal genügt ein stiller Platz, ein bisschen offener Boden, Licht, Feuchtigkeit und Zeit — dann wächst aus dem, was ein Baum selbst schenkt, neues Leben.

Ein Wald wird zu einem Wald, weil Bäume in der Lage sind, sich auf natürliche Weise fortzupflanzen. Aus Samen entstehen neue Bäume, und bei manchen Arten können sogar aus abgebrochenen Zweigen, Wurzelteilen oder schlafenden Knospen wieder neue Triebe wachsen.

Man kann Kastanien, Bucheckern, Eicheln oder Walnüsse in die Erde bringen und selbst einen Baum ziehen. Man kann aber auch lernen, der Natur wieder mehr Raum zu lassen. Denn oft braucht neues Leben gar nicht viel: einen passenden Ort, etwas Licht, Feuchtigkeit, Zeit — und Menschen, die nicht alles sofort ordnen, mähen, herausreißen oder übersehen.

Manchmal beginnt Nachhaltigkeit nicht damit, etwas zusätzlich zu kaufen oder groß anzulegen, sondern damit, dem, was von selbst wachsen möchte, eine echte Chance zu geben.

Nachhaltig und im Einklang mit der Natur zu leben bedeutet für mich, ganz im Kleinen zu beginnen. Im eigenen Garten. Bei der Auswahl dessen, was ich konsumiere. Bei dem Versuch, weitgehend auf Plastikverpackungen zu verzichten und so viel wie möglich natürlich zu belassen.

Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Es geht darum, bewusster zu werden, weniger zu nehmen und wieder mehr Vertrauen in das zu haben, was von selbst wachsen, blühen und sich erneuern kann.

Denn die Natur braucht uns nicht — wir brauchen sie.

Und wie immer, die gesetzlich vorgeschrieben Hinweise & AGBs!

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