Die Brennnessel

Von feinem Nebel, altem Kräuterwissen und einer Pflanze, die vielleicht kleine Geister beherbergt

In der frühen Morgensonne dachte ich zuerst an Nebel, denn es ist schon ziemlich kühl in diesen Septembernächten.

Dann an Rauch … wer heizt denn da in meinem Beet, zwischen den Elfenglocken? 😄

Und wieder einmal erstaunte es mich, wie schön die Natur ist, wenn man einfach nur hinschaut.

Denn dieses kleine Schauspiel grenzt nicht an Zauberei …

es ist eine. 🌿✨

Eine Brennnessel, schwer behangen mit ihren reifen Samen, ließ sie in einer feinen Wolke davonziehen. Im Licht der Morgensonne sah es tatsächlich aus, als würde sie ihren eigenen kleinen Nebel in den Garten schicken.

Und wer an Elfen, Wichtel und andere kleine Zauberwesen glaubt, könnte natürlich auch behaupten, da hätte gerade jemand seine unsichtbare Behausung ausgefegt. 😉

Aber hinter diesem kleinen Naturschauspiel steckt eine Pflanze, die noch viel mehr zu erzählen hat.

Brennesselsamenflug von Jay T.

Ihre Samenstände waren schwer und reif, und plötzlich löste sich eine feine Wolke aus der Pflanze. Im Gegenlicht sah es beinahe aus wie Nebel, der zwischen den Zweigen aufsteigt.

Und wenn man für einen Moment an kleine Elfen, Wichtel und all die unsichtbaren Wesen glauben möchte, die sich vielleicht irgendwo zwischen Blättern, Moos und Wurzeln verbergen, könnte man fast meinen, sie hätten gerade ihre kleinen Behausungen ausgefegt und den feinen Samenstaub hinaus in die Welt geschickt.

So ein Gedanke gefällt mir.

Vielleicht auch deshalb, weil die Brennnessel selbst so eine Pflanze ist, die man leicht übersieht. Wir kennen ihr Brennen, wir ziehen sie aus den Beeten und manchmal ärgern wir uns über sie.

Dabei steht da eigentlich eine kleine Schatzkammer.

Urtica dioica, die Große Brennnessel, begleitet den Menschen seit Jahrhunderten als Nahrungs-, Heil-, Faser- und Gartenpflanze. Blätter, Samen und Wurzeln wurden genutzt – und selbst im Garten ist sie viel zu schade, um einfach nur als Unkraut betrachtet zu werden.

Was in der Brennnessel steckt

Besonders die jungen Blätter enthalten eine ganze Reihe wertvoller Pflanzenstoffe und Mineralstoffe. Dazu gehören unter anderem Kalium, Calcium, Magnesium und Eisen, außerdem Chlorophyll, Carotinoide, Flavonoide und Vitamin C.

Früher brauchte es dafür keine Nährwerttabellen.

Die Menschen kannten ihre Pflanzen durch Beobachtung, Erfahrung und Wissen, das innerhalb von Familien und Gemeinschaften weitergegeben wurde. Vieles davon findet sich bis heute in der Kräuterkunde wieder.

Brennnesselkraut und Brennnesselblätter werden traditionell unter anderem zur Unterstützung der Harnwege und zur Förderung der Harnausscheidung verwendet. Die Wurzel wiederum spielt vor allem in der Pflanzenheilkunde rund um Beschwerden der unteren Harnwege bei gutartiger Prostatavergrößerung eine Rolle.

Spannend finde ich dabei, dass fast jeder Pflanzenteil seinen eigenen Platz hat.

Was mich eher zurückhaltend macht, sind die vielen modernen Aussagen, die heute aus jeder wertvollen Pflanze schnell ein „Superfood“ oder ein Wundermittel machen.

Die Brennnessel braucht das gar nicht.

Sie ist auch ohne große Versprechen eine erstaunlich vielseitige Pflanze.

Die Samen – klein, unscheinbar und wertvoll

Im Spätsommer hängen die weiblichen Brennnesseln voller kleiner Samenstände.

Genau diese Zeit zeigt mein Video.

Brennnesselsamen wurden traditionell als kräftigendes Nahrungsmittel geschätzt. Sie enthalten unter anderem fettes Öl mit ungesättigten Fettsäuren sowie Vitamin E und weitere Pflanzenstoffe.

Wer sie sammeln möchte, wartet, bis die Samenstände gut entwickelt sind.

Ich schneide die Samenstände ab, lasse sie auf einem Tuch oder in einer großen Schale vollständig nachtrocknen und reibe die kleinen Samen anschließend vorsichtig heraus. Pflanzenreste lassen sich danach aussieben.

Ganz wichtig:

Erst ins Glas füllen, wenn wirklich alles trocken ist.

Restfeuchtigkeit kann später zu Schimmel führen.

Was kann man mit Brennnesselsamen machen?

Die kleinen Samen lassen sich ganz unkompliziert in der Küche verwenden.

Sie passen zum Beispiel:

  • über Salate und Suppen
  • ins Müsli
  • in Kräutersalz
  • in Brot und Gebäck
  • zu Gemüsegerichten
  • in selbst gemachte Kräutermischungen

Kurz und vorsichtig angeröstet bekommen sie einen leicht nussigen Geschmack.

Und in einem kräftigen Kräuterbrot kann ich sie mir natürlich besonders gut vorstellen.

Junge Brennnesselblätter in der Küche

Die jungen Blätter gehören für mich zu den schönsten Wildkräutern des Frühjahrs und Frühsommers.

Gesammelt wird am besten an sauberen Standorten, fern von stark befahrenen Straßen, gespritzten Feldrändern und typischen Hundestrecken.

Und ja – Handschuhe sind bei der Ernte durchaus hilfreich.

Frische Brennnesselblätter lassen sich ähnlich wie Spinat verwenden.

Sie passen wunderbar in:

  • Suppen
  • Pesto
  • Kräuterfüllungen
  • Bratlinge
  • grüne Soßen
  • Gemüsegerichte
  • Kräuterbutter
  • Brotteige

Durch Blanchieren, Kochen, Trocknen oder kräftiges Zerkleinern verlieren die Brennhaare ihre unangenehme Wirkung.

Brennnesseln trocknen

Wer sich einen Vorrat für Herbst und Winter anlegen möchte, kann die Blätter sehr gut trocknen.

Ich breite sie dafür locker auf einem Tuch oder einem Trockengitter aus oder hänge kleine Bündel kopfüber auf.

Wichtig ist ein trockener, luftiger und möglichst schattiger Ort.

Pralle Sonne und große Hitze sind nicht ideal, denn empfindliche Pflanzenstoffe leiden darunter.

Die Blätter sollten wirklich rascheltrocken sein, bevor sie in ein Glas oder eine Dose kommen.

Dann kann man sie später für Tee, Kräutermischungen oder als fein gemahlenes Kräuterpulver verwenden.

🍵 Brennnesseltee

Für einen einfachen Brennnesseltee werden getrocknete Blätter mit heißem Wasser übergossen und einige Minuten ziehen gelassen.

Gerade in der traditionellen Kräuterkunde gehört Brennnesseltee zu den Klassikern.

Wer Brennnessel gezielt und über längere Zeit therapeutisch einsetzen möchte, sollte allerdings bedenken, dass eine harntreibende Wirkung nicht in jeder Lebenssituation erwünscht ist.

Was wir nicht essen, bekommt der Garten

Und dann gibt es noch eine ganz andere Seite der Brennnessel.

Eine, die Gärtner seit Generationen kennen.

Brennnesseljauche – der alte Sud der Gärtner

Wer einmal Brennnesseljauche angesetzt hat, vergisst diesen Geruch vermutlich nicht mehr. 😄

Aber im Naturgarten ist sie ausgesprochen praktisch.

Brennnesseljauche wird vor allem als stickstoff- und kaliumreicher Pflanzendünger eingesetzt und kann kräftig wachsende Pflanzen unterstützen.

Eine einfache Faustregel lautet:

Etwa 1 kg frische Brennnesseln auf 10 Liter Wasser.

Die Brennnesseln werden grob zerkleinert, in ein ausreichend großes Gefäß gegeben und mit Wasser übergossen.

Das Gefäß sollte nicht luftdicht verschlossen werden.

Während der nächsten Tage beginnt die Mischung zu gären. Am besten wird sie regelmäßig umgerührt.

Je nach Temperatur dauert dieser Vorgang ungefähr ein bis zwei Wochen.

Wenn sich kaum noch Schaum bildet, ist die Jauche weitgehend fertig.

Zum Gießen wird sie verdünnt verwendet.

Eine häufig genutzte Mischung ist:

1 Teil Brennnesseljauche auf etwa 10 Teile Wasser.

Gut geeignet ist sie zum Beispiel für stärker zehrende Pflanzen wie:

  • Tomaten
  • Zucchini
  • Kürbis
  • Kohl
  • viele kräftig wachsende Stauden

Bei jungen oder empfindlichen Pflanzen sollte man vorsichtiger dosieren.

Und der Geruch?

Nun ja.

Die Pflanzen wissen ihn vermutlich mehr zu schätzen als die Nachbarn. 😉

Etwas Gesteinsmehl auf der Oberfläche kann helfen, den Geruch ein wenig zu binden.

Brennnesselauszug gegen Blattläuse

Brennnesseljauche und Brennnesselauszug werden oft in einen Topf geworfen, dabei sind es zwei unterschiedliche Dinge.

Für Blattläuse wird traditionell eher ein kurzer, noch nicht vergorener Brennnesselauszug verwendet.

Dafür werden frische Brennnesseln mit kaltem Wasser übergossen und nur etwa 12 bis 24 Stunden stehen gelassen.

Danach wird der Auszug abgesiebt und zeitnah verwendet.

Er gehört zu den alten Hausmitteln des naturnahen Gärtnerns.

Trotzdem würde ich ihn nicht als Wundermittel sehen.

Ein gesunder Biogarten lebt immer vom Zusammenspiel vieler Dinge: guter Boden, kräftige Pflanzen, Vielfalt, Nützlinge, Mischkultur – und manchmal auch von ein bisschen Gelassenheit, wenn sich irgendwo ein paar Blattläuse zeigen.

Und bitte nicht alle Brennnesseln ernten

Vielleicht ist das sogar einer der wichtigsten Gedanken überhaupt.

Ein Teil darf einfach stehen bleiben.

Brennnesseln sind wichtige Raupenfutterpflanzen für verschiedene heimische Schmetterlinge.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Tagpfauenauge
  • Kleiner Fuchs
  • Admiral
  • Landkärtchen

Für ihre Raupen ist die Brennnessel nicht lästiges Unkraut, sondern Lebensgrundlage.

Und genau deshalb finde ich es schön, sie nicht immer nur danach zu betrachten, was sie uns Menschen geben kann.

Sie darf einfach auch Pflanze sein.

Lebensraum.

Nahrung.

Versteck.

Teil eines Gartens, in dem nicht alles ordentlich, sauber und aufgeräumt sein muss.

Eine Pflanze, die fast alles gibt

Wenn man sich die Brennnessel einmal wirklich anschaut, ist es erstaunlich, wie viel in dieser einen Pflanze steckt.

Wir können ihre jungen Blätter essen.

Wir können sie trocknen und als Tee oder Kräuterpulver verwenden.

Wir können ihre Samen sammeln.

Wir können ihre Wurzeln nutzen.

Wir können aus ihr Dünger und Pflanzenauszüge herstellen.

Ihre Fasern wurden über Jahrhunderte sogar für Schnüre und Textilien genutzt.

Und gleichzeitig ernährt sie Tiere und schenkt mit ihren Samen schon das nächste Stück Brennnesselwildnis.

Dann steht man plötzlich an einem Spätsommertag davor, hält das Handy in der Hand und sieht, wie sich diese feine Wolke aus ihren Samenständen erhebt.

Fast wie Nebel.

Vielleicht haben ja doch gerade irgendwo ein paar kleine Wichtel ihre Stuben ausgefegt.

Wer weiß das schon. 😉

Für mich sind es genau solche Momente, die Natur so besonders machen.

Man muss nicht weit gehen, um etwas Wunderbares zu entdecken.

Manchmal muss man einfach nur lange genug hinschauen. 🌿


Hinweis zur Verwendung

Wildkräuter sollten nur gesammelt werden, wenn sie sicher bestimmt werden können und von sauberen Standorten stammen.

Wer Brennnessel gezielt als Heilpflanze verwenden möchte, regelmäßig Medikamente einnimmt, schwanger ist oder an Erkrankungen leidet, bei denen eine erhöhte Flüssigkeitsausscheidung problematisch sein könnte, sollte die Anwendung vorher fachlich abklären.

Und wie immer, die gesetzlich vorgeschrieben Hinweise & AGBs!

12. Haftungsausschluß  Veröffentlichungen & Informationstext

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