Wer die Nachtkerze blühen sehen will, muss abends raus. Tagsüber steht sie da wie ein hochgeschossenes Nichts, ein Stängel mit ein paar welken gelben Fetzen daran, nichts, wobei man stehenbleibt.
Und dann, irgendwo zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit, geht eine Knospe auf. Nicht langsam – man kann dabei zusehen. Die Kelchblätter klappen nach hinten weg, die Blüte schiebt sich heraus, zwei, drei Minuten, fertig. Danach riecht die ganze Ecke süß, und die Nachtfalter kommen.
In ihren Samen steckt das, worum es in der Hautpflege geht.
Was Nachtkerzenöl mit der Haut macht
Wenn die Hautbarriere angeschlagen ist, merkt man das schnell: Spannen nach dem Waschen, rote Stellen, raue Flecken, die trocken bleiben, egal was man draufschmiert.
Das Öl aus den Nachtkerzensamen enthält ungewöhnlich viel Gamma-Linolensäure, kurz GLA. Diese Fettsäure ist ein Baustein der äußersten Hautschicht, und wer wenig davon hat, verliert über die Haut mehr Feuchtigkeit als nötig. Genau da setzt das Öl an. Es beruhigt gereizte Stellen, hilft der Haut, das Wasser zu halten, das sie hat, und verstopft dabei keine Poren – auch dann nicht, wenn die Haut gerade hormonell durcheinander ist.
Reichhaltig ist es allerdings. Pur und großzügig aufgetragen liegt es eher auf der Haut, als dass es einzieht. Es will kombiniert werden, am liebsten mit Feuchtigkeit.
Wenn die Haut juckt
Trockene Haut juckt. Das ist der Zusammenhang, um den es geht. Wo die Barriere löchrig ist, verdunstet Wasser, die Haut wird spröde, Nervenenden liegen freier – und dann fängt es an. Man kratzt, die Barriere wird noch dünner, und der Kreis schließt sich.
An dieser Stelle tut Nachtkerzenöl gute Dienste. Es macht die Haut nicht taub und betäubt nichts, es füllt auf. Und eine Haut, die wieder geschmeidig ist, meldet sich seltener.
Zu Neurodermitis gehört ein ehrliches Wort. Nachtkerzenöl gilt seit Jahrzehnten als Klassiker, und in der Pflege trockener, zu Neurodermitis neigender Haut hat es seinen festen Platz. Eingerieben, nicht eingenommen – hier liegt seine Stärke. Ein Heilmittel ist es trotzdem nicht: Es arbeitet an der Barriere, nicht gegen die Erkrankung. Wer im Schub steckt, gehört in dermatologische Hände. Zwischen den Schüben aber, in der täglichen Pflege, ist es eines der Öle, zu denen ich immer wieder greife.
Essbar, von der Wurzel bis zum Samen
An der Nachtkerze gibt es kaum etwas, das man nicht essen kann.
Am besten schmeckt sie morgens. Der hellgrüne Stängel und die Blüte, die seit dem Abend offen steht, sind zuckersüß. Ich pflücke auch an lauen Sommerabenden ein paar Blüten direkt von der Pflanze und esse sie samt Duft. 🙂
- Die Blüten sehen auf einem Sommersalat oder einer Nachspeise hübsch aus und schmecken auch so.
- Die Wurzel bildet sich im ersten Standjahr, eine dicke Pfahlwurzel. Gekocht erinnert sie an Pastinake oder Schwarzwurzel; früher war sie als Gemüse durchaus bekannt.
- Die Samen reifen im Spätsommer in schmalen Kapseln am aufrechten Stängel, winzig und zahllos. Die indigenen Völker Nordamerikas haben sie gesammelt und sind mit dem Öl daraus durch die kargen Monate gekommen.
Zwei Rezepte für zuhause
Nachtkerzenöl arbeitet man besser nicht in einen festen Balsam ein – der Haltbarkeit wegen. Im Tiegel liegt es offen, wird bei jedem Griff wieder mit Luft und Fingern in Berührung gebracht und muss vorher außerdem durchs Wasserbad. Als reine Ölmischung in der Braunglasflasche bleibt es davon verschont.
Wie lange sie hält, entscheiden die Öle selbst: Eine Mischung ist so lange gut wie die Zutat mit dem kürzesten Datum. Schau also auf die Mindesthaltbarkeit deiner Flaschen und richte dich nach der frühesten. Braunglas, kühl und dunkel gelagert – dann bleibt es genau so lange, wie es soll.
Abendserum für das Gesicht
15 ml Jojobaöl, kaltgepresst – es ranzt nicht
5 ml Nachtkerzenöl, kaltgepresst
1 Tropfen ätherisches Lavendelöl
Alles in ein Braunglasfläschchen mit Pipette geben und schwenken. Mehr ist nicht zu tun.
Wichtig ist die Anwendung: Gesicht nach der Reinigung mit Rosenwasser oder Kamillenhydrolat einsprühen, dann zwei bis drei Tropfen Serum in die noch nasse Haut einmassieren. Unter den Fingern entsteht dabei eine kleine Emulsion, und die zieht ein, ohne einen Film zu hinterlassen. Auf trockene Haut aufgetragen funktioniert dasselbe Serum deutlich schlechter.
Pflegeöl für raue Ellenbogen und trockene Stellen
30 ml Mandelöl
10 ml Nachtkerzenöl
In eine Braunglasflasche füllen, schwenken, fertig. Kein Wasserbad, kein Erwärmen – das Nachtkerzenöl bleibt so, wie es aus der Presse kam.
Am besten direkt nach dem Duschen auf die noch feuchte Haut, ein paar Tropfen reichen. Bei juckenden Stellen lieber öfter dünn als selten dick.
Die Nachtkerze ist eine Pflanze für Haut, die aus dem Takt ist. Nicht für schnelle Ergebnisse, eher für die Wochen, in denen man ihr beim Zurückkommen zusieht.
Wie man Öle liest, mischt und auf die eigene Haut abstimmt – und warum manches besser ohne Wachs bleibt –, machen wir in den Handgemacht-Workshops. Da steht alles offen auf dem Tisch und man riecht den Unterschied.


