Hildegard von Bingen – Die Heilige der Naturheilkunde

Pionierin der Naturheilkunde und Kräuterheilung

Hildegard von Bingen (1098–1179) war eine der bemerkenswertesten Frauen des Mittelalters. Äbtissin, Mystikerin, Komponistin, Naturkundlerin – und eine Frau, die sich in einer von Männern bestimmten Welt Gehör verschaffte. Ihr Wissen über Heilpflanzen wird bis heute genutzt.

Wer war Hildegard von Bingen?

Geboren wurde sie 1098 in Bermersheim bei Alzey, als zehntes Kind. Mit acht Jahren gaben ihre Eltern sie in die Obhut der Klausnerin Jutta von Sponheim, die auf dem Disibodenberg lebte. Dort wuchs sie auf, dort legte sie später die Gelübde ab, und nach Juttas Tod wurde sie mit achtunddreißig zur Leiterin der kleinen Frauengemeinschaft gewählt.

Was danach kam, war für ihre Zeit ungewöhnlich. Sie setzte gegen den Widerstand des Abtes die Gründung eines eigenen Klosters auf dem Rupertsberg bei Bingen durch, später kam ein zweites in Eibingen dazu. Sie schrieb Briefe an Kaiser Barbarossa, an Päpste, an Bischöfe und Äbtissinnen in ganz Europa – mahnend, oft scharf im Ton. Sie unternahm vier Predigtreisen und sprach öffentlich vor Klerus und Volk, was Frauen damals eigentlich nicht zustand.

Im letzten Jahr ihres Lebens legte das Mainzer Domkapitel ein Interdikt über ihr Kloster, weil sie einen Exkommunizierten auf dem Friedhof hatte bestatten lassen. Ihre Nonnen durften nicht mehr singen und keine Messe feiern. Sie weigerte sich, den Toten ausgraben zu lassen. Das Verbot wurde kurz vor ihrem Tod aufgehoben.

Die Visionen

Hildegard sah seit ihrer Kindheit Bilder – Lichterscheinungen, Gestalten, ganze Szenen. Sie sprach lange mit niemandem darüber. Erst mit dreiundvierzig, nach einer schweren Krankheit, begann sie aufzuschreiben, was sie schaute, und ließ es prüfen. Papst Eugen III. erkannte ihre Schriften an, was ihr Rückhalt gab.

Ihre naturkundlichen Werke – „Physica“ und „Causae et Curae“ – gehören in diesen Zusammenhang. Für Hildegard war ihr Wissen nichts, was sie sich erarbeitet hatte, sondern etwas, das ihr gezeigt wurde. Die Natur war ihr eine göttliche Gabe, und die Heilmittel für die Leiden des Menschen lagen für sie unmittelbar in seiner Umgebung.

Manches davon liest sich für uns fremd. Sie ordnete Edelsteinen Heilkräfte zu, empfahl Aderlass nach dem Mondstand und erklärte Krankheiten aus dem Ungleichgewicht der Säfte. Das gehört zu ihrem Bild von der Welt, so wie ihre Kräuter dazugehören.

Viriditas – die Grünkraft

Der wichtigste Begriff bei Hildegard ist die Viriditas, die Grünkraft. Gemeint ist die Lebenskraft, die durch alles Wachsende geht – durch das Blatt, das sich entfaltet, durch den Saft im Stamm, durch den Menschen, der gesund ist.

Grünkraft ist bei ihr keine Metapher für Frische. Sie ist das, was lebendig macht, und sie kann versiegen. Ein Mensch, der ausgetrocknet ist an Leib oder Seele, hat seine Viriditas verloren. Krankheit ist Dürre, Gesundheit ist Grünen.

Deshalb legte sie Wert auf frische, unverarbeitete Nahrung und auf die Saisonalität. Wer isst, was gerade wächst, nimmt die Grünkraft auf.

Die Kräuter der Hildegard-Heilkunde

Sie schätzte besonders die Bitterstoffe und die wärmenden Kräuter. Zu den wichtigsten gehören:

  • Galgant: ihr Lieblingsmittel, ein Ingwergewächs. Sie empfahl es für das Herz und die Verdauung, es wirkt wärmend und wurde bei Kreislaufschwäche gegeben.
  • Bertram: gilt bei ihr als das große Stärkungsmittel – gegen Schwäche, für die Verdauung und die Aufnahme der Nahrung.
  • Quendel (Wilder Thymian): für die Lunge, bei Erkältungen, kräftigend.
  • Ysop: reinigend und schleimlösend, bei Atemwegsbeschwerden. Sie schrieb ihm auch zu, das Gemüt zu heben und gegen Schwermut zu helfen.
  • Fenchel: für Hildegard Heilpflanze und Lebensmittel zugleich. Er beruhigt den Bauch und macht, wie sie schrieb, den Menschen fröhlich.
  • Wermut: eines der bittersten Kräuter, für Verdauung und Leber, bei Appetitlosigkeit.

Sie gab die Kräuter meist in Kombination und betonte, dass sie auf Leib und Gemüt zugleich wirken. Bei ihr gibt es keine Trennung zwischen beidem.

Die Hildegard-Küche

Dinkel nimmt bei Hildegard eine besondere Stellung ein. Sie nannte ihn das beste Getreide, verträglich, kräftigend, fröhlich machend. Dazu kamen Küchenkräuter wie Petersilie, Fenchel und Quendel, die sie nicht als Medizin verstand, sondern als tägliche Vorsorge.

Fasten gehörte ebenfalls dazu, und maßvolles Essen überhaupt. Sie hielt wenig von Übermaß, in keiner Richtung.

Was überliefert ist

Die Heilkunde Hildegards zielt darauf, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen und die Selbstheilung anzuregen. Überliefert sind:

  • Stärkung bei Schwäche: Bertram und Galgant als aufbauende Mittel.
  • Verdauung: Galgant, Fenchel und Wermut, die Bitterstoffe für Magen und Galle.
  • Beruhigung des Gemüts: Ysop gegen Melancholie, Baldrian für den Schlaf.
  • Reinigung: Bitterkräuter wie Wermut und Löwenzahn für die Leber.

Diese Angaben stammen aus ihren Schriften und aus der jahrhundertelangen Überlieferung, nicht aus wissenschaftlichen Untersuchungen. Wer ernsthaft krank ist, geht zum Arzt.

Die vier Temperamente

Hildegard griff die alte Lehre der vier Temperamente auf – Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker. Sie stammt aus der Antike und beschreibt vier Grundnaturen des Menschen, die sich in Wärme, Feuchtigkeit und Stimmung unterscheiden.

Für Hildegard hieß das: Nicht jedem hilft dasselbe. Dem Melancholiker gab sie Baldrian oder Lavendel für die Ruhe, dem hitzigen Choleriker kühlende Kräuter wie Minze. Sie behandelte den Menschen, nicht die Krankheit.

Bedeutung heute

Die Hildegard-Heilkunde erlebt seit Jahrzehnten eine Renaissance. Manches davon ist Marketing – nicht alles, was ihren Namen trägt, geht auf sie zurück. Aber der Kern hält: Galgant bei Verdauungsproblemen, die Dinkelküche, das Fasten, der Gewürzwein.

Was bleibt, ist vor allem ihre Haltung. Der Mensch steht bei ihr nicht über der Schöpfung, sondern mittendrin, und was ihn heilt, wächst in seiner Nähe.

Dieselbe Beobachtung, anderswo

Ihr geliebter Galgant ist ein Ingwergewächs – und in China gab man zur selben Zeit Ingwer, ebenfalls wärmend, ebenfalls für Verdauung und Herz. Zwei Frauen und Männer, die nie voneinander hörten, kamen zur selben Pflanzenfamilie.

Ihr Wermut steht achthundert Jahre später im Schwedenbitter von Maria Treben, wieder für die Verdauung, wieder wegen der Bitterkeit. Und die Vorstellung, dass Krankheit aus dem Ungleichgewicht kommt, findet sich bei ihr in den vier Säften, in China in Yin und Yang, in Indien in den drei Doshas.

Die Essenz

Hildegard von Bingen hat gesammelt, geordnet und aufgeschrieben, was um sie herum wuchs, und hat es in ein Weltbild gestellt, in dem alles zusammenhängt. Die Grünkraft, die durch das Blatt geht, ist dieselbe, die durch den Menschen geht.

Ihre Weisheit erinnert daran, dass die Natur eine Fülle bereithält – man muss nur lernen, sie zu sehen.

Und wie immer, die gesetzlich vorgeschrieben Hinweise & AGBs!

12. Haftungsausschluß  Veröffentlichungen & Informationstext

Fehler: Geschützer Inhalt!!