Alte Bräuche, duftende Kräuter und eine kleine Auszeit mitten im Leben
Ihr kennt sie sicher auch, diese Tage im August, an denen der Sommer schon ein wenig nach Herbst riecht.
Die Sonne steht noch warm über den Wiesen, morgens liegt manchmal schon Feuchtigkeit im Gras. Die ersten Samenstände werden braun, manches Grün wird matter und gleichzeitig stehen viele Kräuter noch einmal in ihrer ganzen Fülle da.
Genau in diese Zeit gehört ein alter Brauch, den ich sehr schön finde: das Binden eines Kräuterbündels.
Dafür braucht es gar nicht viel. Ein paar Kräuter, eine Schere, etwas Naturband – und ein wenig Zeit.
Ein alter Brauch rund um die Kräuter
Rund um den 15. August, Mariä Himmelfahrt, werden in vielen Regionen seit Jahrhunderten Kräuter gesammelt, gebunden und traditionell gesegnet.
Die Kräuterweihe ist bereits seit dem Mittelalter überliefert. Je nach Gegend heißen diese Bündel Kräuterbuschen, Würzbüschel oder Kräuterwisch. Auch bei der Zusammensetzung gab und gibt es große regionale Unterschiede.
Königskerze, Beifuß, Johanniskraut, Schafgarbe, Wermut, Dost oder Thymian sind nur einige der Pflanzen, die sich darin finden können.
Mancherorts spielte auch die Zahl der verwendeten Kräuter eine Rolle. Sieben oder neun Pflanzen waren ebenso gebräuchlich wie zwölf, vierundzwanzig oder noch größere symbolische Zahlen.
Mir ist dabei weniger wichtig, welche Zahl nun die „richtige“ sein soll. Viel schöner finde ich die Vorstellung, dass Menschen schon vor Jahrhunderten hinausgingen, schauten, was auf ihren Wiesen und an ihren Wegen wuchs, und einen Teil dieser sommerlichen Fülle mit nach Hause nahmen.
Der Frauendreißiger – eine besondere Kräuterzeit
Mit Mariä Himmelfahrt beginnt in manchen Regionen der sogenannte Frauendreißiger, die Zeit von Mitte August bis Mitte September. Nach alter Überlieferung galten Kräuter, die während dieser Wochen gesammelt wurden, als besonders kraftvoll.
Man muss diesen alten Glauben nicht übernehmen, um etwas Schönes darin zu entdecken.
Wer zu dieser Zeit draußen unterwegs ist, merkt, dass die Natur tatsächlich beginnt, sich zu verändern. Einige Pflanzen blühen noch üppig, andere bilden längst Samen. Der Hochsommer ist noch da, aber der Herbst kündigt sich bereits an.
Unsere Vorfahren lebten sehr viel unmittelbarer mit diesen Veränderungen. Wann etwas blühte, wann Samen reiften oder wann eine Pflanze geerntet werden konnte, war kein hübsches Naturwissen nebenbei, sondern gehörte zum Leben.
Kräuter sammeln, fühlen, riechen
Was ich beim Binden besonders mag, ist dieses ganz einfache Arbeiten mit den Händen.
Salbei fühlt sich anders an als Melisse. Thymian verströmt seinen Duft schon bei der kleinsten Berührung. Lavendel riecht selbst getrocknet noch nach Sommer und die Ringelblume bringt mit ihren leuchtenden Blüten Farbe zwischen all das Grün.
Während man die Stängel sortiert, zusammenlegt und bindet, wird es meist ganz von selbst etwas ruhiger im Kopf.
Dafür braucht es keinen besonderen Namen und kein großes Ritual. Man beschäftigt sich für eine Weile einfach nur mit dem, was vor einem liegt.
Mein Kräuterbündel
Für mein eigenes Bündel habe ich genommen, was gerade da war und für mich zu diesem Spätsommer gehört:
Lavendel, Thymian, Salbei, Wacholder, Melisse, Lorbeer, Oregano, Ringelblume und einige Hibiskusblüten.
Nicht alles davon gehört in einen klassischen historischen Kräuterbuschen. Das muss es für mich aber auch nicht.
Ich möchte die alten Bräuche weitertragen.
Aber so, dass er zu meinem Garten, unserer Landschaft und zu dem passt, was gerade wächst.
Vielleicht steht bei euch Schafgarbe am Weg. Vielleicht wächst Dost im Garten oder eine Königskerze hat sich irgendwo selbst ihren Platz gesucht. Ein eigenes Kräuterbündel muss keiner alten Zutatenliste folgen.
Wichtiger ist mir zu wissen, welche Pflanze ich vor mir habe und warum ich sie mitnehme.

Pflanzen – mit Geschichten der Vergangenheit und Zukunft
Viele der Kräuter, die traditionell gebunden wurden, begleiten Menschen schon sehr lange.
Die Königskerze stand häufig in der Mitte des Bündels. Mit ihrem langen Blütenstand überragt sie die anderen Pflanzen ohnehin fast von selbst.
Beifuß gehört zu den alten europäischen Würz-, Heil- und Räucherpflanzen und ist mit vielen Bräuchen verbunden.
Das Johanniskraut trägt schon mit seinem Namen die Erinnerung an den Johannistag und die Zeit rund um die Sommersonnenwende.
Salbei und Thymian kennen wir aus Küche und traditioneller Pflanzenkunde, während Ringelblume und Lavendel Farbe und ihren unverwechselbaren Duft ins Bündel bringen.
Solche Geschichten mag ich. Nicht, weil man jeder Pflanze irgendeine geheimnisvolle Bedeutung geben muss, sondern weil man anders auf das schaut, was vor der eigenen Haustür wächst.
Eine Pflanze am Wegesrand ist dann eben nicht einfach nur „irgendetwas Grünes“.
Ein Stück des Sommers trocknen
Nach dem Binden hängt das Kräuterbündel an einem luftigen, trockenen Platz ohne direkte Sonne.
Schon nach wenigen Tagen verändert es sich. Die Farben werden sanfter, die Blätter beginnen zu rascheln und die Stängel trocknen ein. Der Duft ist jetzt viel weicher, wie die Nächte des vergangenen Sommers … erwecken bei mir die Vorfreude auf den nächsten.

Und wenn man Monate später ein Salbeiblatt oder etwas Thymian zwischen den Fingern zerreibt, kommt ein kleines Stück August zurück.
Früher wurden die getrockneten Bündel im Haus aufbewahrt und im Laufe des Jahres unterschiedlich genutzt. Manche Kräuter dienten als Vorrat, andere wurden zu bestimmten Anlässen verräuchert. Mit ihnen verbanden sich regional auch Vorstellungen von Schutz und Segen für Haus, Mensch und Tier.
Bei mir bekommt das Bündel ebenfalls seinen Platz und wird nach und nach verwendet.
Ein bisschen gesammelter Sommer für die dunkleren Monate.
Kräuter aus dem Bündel räuchern
Einige der getrockneten Kräuter verwende ich später zum Räuchern – manchmal in den Raunächten, manchmal an einem stillen Herbstabend und manchmal einfach, weil mir gerade nach dem Duft von Salbei, Lavendel oder Thymian ist.
Dafür braucht man nicht das ganze Bündel. Ein paar Blätter, Blüten oder kleine Zweige reichen vollkommen.
Wie ich meine Räucherbündel herstelle und wie die Kräuter verwendet werden, zeige ich euch in den Bildern zum Beitrag.

Sammeln heißt auch stehen lassen
Bei allem Schönen an diesem alten Brauch gehört für mich eines unbedingt dazu: Nicht einfach pflücken, was einem gefällt.
Geschützte Pflanzen bleiben stehen. Wildkräuter sammle ich nur dort, wo ich sie sicher bestimmen kann und wo genügend davon wächst. Von einem Bestand nehme ich immer nur einen kleinen Teil.
Und manchmal lasse ich eine besonders schöne Blüte ganz bewusst dort, wo sie ist.
Weil noch jemand etwas von ihr hat: Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge oder später die Vögel, die sich über ihre Samen freuen.
Auch das gehört für mich zum Kräuterwissen.
Vielleicht probiert ihr es einmal selbst
Ihr braucht dafür kein riesiges Bündel und keine festgelegte Zahl von Pflanzen.
Schaut einfach einmal, was im Garten oder draußen gerade wächst. Nehmt nur das, was ihr sicher kennt und sammeln dürft, legt die Kräuter zu Hause vor euch auf den Tisch und bindet daraus euer eigenes kleines Bündel.
Vielleicht riecht die Küche danach nach Thymian, die Finger nach Salbei und irgendwo dazwischen steckt noch eine Ringelblume, die eigentlich viel zu groß für das Bündel war.
Genau das darf so sein. Ein Bündel Kräuter – ein bisschen Duft vom letzten Sommer.
Kleine Räucherblumen

Diese kann man wunderbar auf ein Räuchersieb stellen und noch nach Belieben ein wenig Harz hinzugeben.

